Musik erklingt und Kerzen erleuchten. Die Erinnerungszeremonie auf dem Gelände der Domjüch, der ehemaligen Landesirrenanstalt, beginnt. Auf jeder Kerze steht der Name eines Menschen, der den nationalsozialistischen Patientenmorden zum Opfer fiel. Von Hand zu Hand werden die Kerzen in einen Gedenkraum getragen, dort aufgestellt und entzündet. Jede Kerze steht für ein Menschenleben und wird zu einem sichtbaren Zeichen gegen das Vergessen.
Die „Domjüch“ – ein Ort zwischen Idylle und Verbrechen
Rund 200 Menschen kamen am 11. Juli 2026 auf das Gelände der Domjüch bei Neustrelitz. Viele von ihnen besuchten den Ort zum ersten Mal. Sonniges Wetter, leichter Wind in den Baumkronen und funkelndes Wasser luden zum Verweilen und Entdecken ein.
Doch die Geschichte des Ortes ist von Ausgrenzung, Verfolgung und Gewalt geprägt. Vor 85 Jahren wurden hier wohnende Patient*innen von den Nationalsozialisten in die Tötungsanstalt Bernburg deportiert und ermordet. Für diese Verbrechen verwendeten die Nationalsozialisten den beschönigenden Begriff „Euthanasie“. Nach ihrer rassistischen Ideologie sollten Menschen mit bestimmten physischen und psychischen Erkrankungen ausgelöscht werden.

Patientenmorde in der NS-Zeit – eine schwierige Spurensuche
In ihrer Rede erinnerte Dr. Constanze Jaiser, Leiterin der RAA-Geschichtswerkstatt zeitlupe, an das Ausmaß der Verfolgung dieser besonders vulnerablen Gruppe: Zwischen 1933 und 1945 wurden Hunderttausende Menschen zwangssterilisiert, darunter auch Patient*innen der Domjüch. Insgesamt wurden schätzungsweise 250.000 bis 300.000 Frauen, Männer und Kinder ermordet – in Gaskammern, durch Medikamente, Vernachlässigung oder gezieltes Verhungernlassen.
Dr. Constanze Jaiser schlug dabei auch eine Brücke zur Gegenwart: Argumentationen, in denen der Wert von Menschen nach ihrer Herkunft, ihrer Gesundheit oder ihrem vermeintlichen wirtschaftlichen Nutzen bemessen werde, begegneten uns bis heute – etwa in Debatten über Migration, Behinderung und den Sozialstaat.

Die Nationalsozialisten versuchten systematisch, die Spuren der Verbrechen zu verwischen. Patient*innen wurden bewusst mehrfach in andere Einrichtungen verlegt, bevor sie an die Orte ihrer Ermordung gebracht wurden.
Dennoch gelang es dem Verein zum Erhalt der Domjüch e. V. und insbesondere dem Lokalhistoriker und Vereinsmitglied Reinhard Simon, durch intensive Recherchen zahlreiche Namen und Lebensgeschichten dem Vergessen zu entreißen.
Bunte Kerzen gegen das Vergessen
Mit dem „Fest der Vielfalt im Gedenken an …“ schufen die RAA-Geschichtswerkstatt zeitlupe, der Verein zur Erhaltung der Domjüch ehemalige Landesirrenanstalt e. V. und der Projektleiterin Josepha Dietz gemeinsam einen Raum für ein gegenwärtiges und vielfältiges Erinnern.
Im Mittelpunkt der Gedenkzeremonie standen die wunderschönen, bunten Kerzen, die von Mitarbeitenden der Kerzenwerkstatt des Lebenshilfswerks Waren angefertigt worden waren. Vor der Veranstaltung hatten Privatpersonen, Vereine und Wohngruppen die Kerzen gestaltet und jeweils mit dem Namen einer ermordeten Person versehen.
Während der Zeremonie wurden die Namen nach und nach verlesen. Anschließend wurden die Kerzen durch die Hände vieler Menschen in den Gedenkraum getragen und dort aufgestellt. So wurden aus historischen Zahlen wieder einzelne Menschen mit Namen und Geschichte.

Erinnerung kreativ gestalten
Auf dem gesamten Gelände konnten sich die Besucher*innen künstlerisch mit Geschichte, Erinnerung und Zukunft auseinandersetzen. Unter Anleitung der Künstlerin Dana JES entstanden Erinnerungskacheln aus Ton. Gemeinsam mit dem RAA-Projekt Future Flow schrieben Besucher*innen Postkarten an die Zukunft. Mit Ramona Seyfarth wurden Beutel und Taschen mit Graffiti-Farbe gestaltet. Rico. und Gabi Garland luden zur Arbeit mit selbst gestalteten, „heftig flirrigen Heften“ ein. In einem der Gebäude war zudem die Multimedia-Ausstellung des ehemaligen RAA-Projekts überLEBENSWEGE zu sehen. Gezeigt wurden außerdem inklusive Kurzfilme und Musikvideos der RAAbatz Medienwerkstatt.



Auch Jugendliche hatten sich bereits im Vorfeld intensiv mit dem Ort und seiner Geschichte beschäftigt. Schüler*innen der Tom-Mutters-Schule Neustrelitz, der Regionalen Schule am Kirschgarten Blankensee und der Regionalen Schule Wesenberg entwickelten in Workshops eigene Rapsongs. Begleitet wurden sie dabei von der Rapperin und Workshopleiterin Lena Stoehrfaktor. Beim Fest wurden die entstandenen Stücke präsentiert.
Geschichten des Tages auf der Bühne
Am Abend trat das Ensemble des Playback Theaters Potsdam auf. Geschichten aus dem Publikum, Empfindungen zum Ort und Eindrücke des Tages wurden aufgenommen und berührend auf der Bühne dargestellt. Auf diese Weise wurden die unterschiedlichen Erfahrungen und Formen des Erinnerns noch einmal sichtbar. Es entstand ein eindringliches und interaktives Theatererlebnis, das den Tag gemeinsam mit dem Publikum abschloss.

Wir danken allen Beteiligten, Kooperationspartner*innen und Besucher*innen, die das Fest gemeinsam gestaltet und zu einem unvergesslichen Ereignis gemacht haben.
Das Projekt wurde im Rahmen des Programms „Jugend erinnert“ der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) gefördert.
Die RAA-Geschichtswerkstatt zeitlupe ist ein Projekt in Trägerschaft der RAA – Demokratie und Bildung Mecklenburg-Vorpommern e. V. Mehr Informationen unter: https://zeitlupe-nb.de/
Kontakt: zeitlupe@raa-mv.de





