Am 11. Juni 2026 fand im Rahmen des Projekts RomDialog der Online-Workshop „Bildungswege von Roma-Familien verstehen – diskriminierungssensible Zusammenarbeit im Bildungsalltag“ statt. 18 Fachkräfte aus Schule, Jobcenter, Migrationssozialberatung, Jugendamt und weiteren Arbeitsfeldern nahmen an der Veranstaltung teil. Im Mittelpunkt standen Bildungsbiografien und Lebensrealitäten von Roma-Familien sowie die Frage, wie Fachkräfte diskriminierungssensibel und vertrauensvoll mit Familien zusammenarbeiten können.
Bildungswege im Kontext von Diskriminierungserfahrungen
Ein zentraler Ausgangspunkt war die Auseinandersetzung mit historischen Erfahrungen von Ausgrenzung, Verfolgung und Antiziganismus. Deutlich wurde, dass diese Erfahrungen nicht nur der Vergangenheit angehören, sondern bis heute Vertrauen in Institutionen, Bildungswege und die Zusammenarbeit mit Behörden beeinflussen können. Bildungsbarrieren entstehen dabei häufig nicht durch individuelles Desinteresse, sondern durch strukturelle Hürden, Diskriminierungserfahrungen, sprachliche Barrieren, Armut, Flucht- und Migrationserfahrungen oder negative Schulerfahrungen in den Familien.
Besprochen wurde außerdem, wie schnell stereotype Zuschreibungen professionelle Einschätzungen prägen können, etwa wenn Eltern mangelndes Interesse unterstellt wird oder Kinder vorschnell als „nicht motiviert“ gelten. Stattdessen braucht es eine fragende, selbstreflexive Haltung: Welche Informationen fehlen? Welche strukturellen Faktoren wirken mit? Würde dieselbe Einschätzung auch bei einer anderen Familie getroffen?
Mehrsprachigkeit als Ressource
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf Mehrsprachigkeit als Ressource. Viele Roma-Kinder wachsen mit mehreren Sprachen auf, etwa Romanes, Deutsch oder weiteren Familiensprachen. Im Workshop wurde betont, dass sprachliche Vielfalt nicht als Defizit bewertet werden darf. Vielmehr braucht es eine professionelle Einschätzung, geeignete Sprachdiagnostik und eine wertschätzende Haltung gegenüber familiären Sprachwelten.
Praxisfälle aus Schule, Kita und Beratung
In Kleingruppen arbeiteten die Teilnehmenden an drei praxisnahen Fallbeispielen aus Schule, Kita und Beratung. Dabei ging es unter anderem um unregelmäßigen Schulbesuch, rassistische Beschimpfungen im Schulalltag, fehlende Reaktionen von Institutionen, Zurückstellungen aufgrund angeblicher Sprachprobleme sowie um die Frage, wie Fachkräfte zwischen rechtlichen Anforderungen, eigener professioneller Sozialisation und den Lebensrealitäten der Familien vermitteln können.
Vertrauen aufbauen und Teilhabe ermöglichen
Besonders hervorgehoben wurde die Bedeutung von Vertrauen. Dieses entsteht nicht durch einmalige Gespräche, sondern durch Verlässlichkeit, Transparenz, Sprachmittlung, aktives Zuhören und die ernsthafte Beteiligung von Familien. Fachkräfte können Brücken bauen, indem sie Bildungswege verständlich erklären, Diskriminierung ernst nehmen, Netzwerke nutzen und Eltern als Expert*innen ihrer Lebenssituation anerkennen.
Deutlich wurde: Bildungsgerechtigkeit entsteht nicht durch schematische Gleichbehandlung, sondern dadurch, unterschiedliche Ausgangslagen wahrzunehmen und Zugänge so zu gestalten, dass alle Kinder und Familien faire Chancen haben. Dafür braucht es diskriminierungskritische Strukturen, professionelle Selbstreflexion und eine Zusammenarbeit, die Familien nicht auf Probleme reduziert, sondern ihre Ressourcen sichtbar macht.





