Wann wird gut gemeinte Unterstützung zur Bevormundung? Und wer entscheidet eigentlich darüber, was für andere Menschen das Beste ist? Mit diesen Fragen beschäftigten sich am 27. Oktober 2026 Fachkräfte aus unterschiedlichen Bereichen der Sozialen Arbeit im Rahmen eines Online-Workshops des RAA-Projekts RomDialog.
Unter dem Titel „Zwischen Fürsorge und Fremdbestimmung – Paternalismus in der Sozialen Arbeit gegenüber Sinti und Roma“ lud Referent Berry Paskowski dazu ein, die eigene professionelle Haltung und den Umgang mit Macht und Verantwortung kritisch zu hinterfragen. Die unterschiedlichen Erfahrungen der Teilnehmenden aus der Geflüchtetenhilfe, Migrationsberatung und Familienbegleitung bereicherten dabei den Austausch.
Wenn Hilfe und Kontrolle ineinandergreifen
Anhand konkreter Fallbeispiele diskutierten die Teilnehmenden, wo die Grenze zwischen notwendiger Unterstützung und bevormundendem Handeln verläuft. Dabei ging es unter anderem um die Begleitung von Familien bei der Wohnungssuche, um Regeln in Gemeinschaftsunterkünften und um die Frage, wer eigentlich festlegt, welches Verhalten als richtig oder angemessen gilt.
Ein besonderer Schwerpunkt lag auf antiziganistischem Paternalismus. Dieser zeigt sich dort, wo Menschen aufgrund ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen Zugehörigkeit zu Sinti* und Roma* weniger Selbstbestimmung und Eigenverantwortung zugetraut wird. Ein historischer Rückblick verdeutlichte, wie vermeintliche Fürsorge, gesellschaftliche Anpassungsforderungen und institutionelle Kontrolle miteinander verbunden waren. Mit Beispielen aus der NS-Zeit wurde sichtbar, wie unter dem Deckmantel von Hilfe und Erziehung Ausgrenzung, staatliche Erfassung und Verfolgung bis zum Völkermord stattfinden konnten. Solche Denkmuster und institutionelle Praktiken wirkten auch nach 1945 fort.
Selbstbestimmung statt gut gemeinter Bevormundung
Der Workshop verdeutlichte zugleich das Spannungsfeld, in dem sich Fachkräfte der Sozialen Arbeit bewegen. Gesetzliche Vorgaben, Dokumentationspflichten und begrenzte Ressourcen prägen den beruflichen Alltag und können selbstbestimmtes Handeln erschweren. Umso wichtiger ist es, vorhandene Handlungsspielräume zu nutzen, die Lebensrealitäten der Betroffenen ernst zu nehmen und Entscheidungen möglichst gemeinsam zu treffen.
Dabei treffen unterschiedliche Formen von Wissen aufeinander: Fachkräfte verfügen über Kenntnisse zu gesetzlichen Ansprüchen und institutionellen Abläufen, während die begleiteten Menschen Expert*innen ihrer eigenen Lebenswelt sind. Eine diskriminierungskritische Soziale Arbeit muss beide Perspektiven berücksichtigen und Freiwilligkeit, Transparenz und Beteiligung ermöglichen. Die zentrale Frage „Handle ich gerade für Menschen – oder mit ihnen?“ fasst diesen Anspruch treffend zusammen.
In der abschließenden Reflexion hoben die Teilnehmenden die hilfreichen Impulse für ihre berufliche Praxis hervor. Der Workshop machte deutlich, dass gute Absichten allein nicht ausreichen: Entscheidend ist auch die Bereitschaft, das eigene Handeln und die dahinterliegenden Machtverhältnisse immer wieder kritisch zu hinterfragen.
Wir bedanken uns herzlich bei Berry Paskowski für die fachlichen Impulse und bei allen Teilnehmenden für den offenen und engagierten Austausch.
